Seltener Käferfund in Seitenstetten: Alter Birnbaum wird zur Arche für bedrohte Tierart
Seitenstetten am 30.7.2026 – In einem vom Sturm umgeworfenen Mostbirnbaum wurde in Seitenstetten eine Population des streng geschützten Eremitenkäfers entdeckt. Der außergewöhnliche Fund zeigt eindrucksvoll, warum sich die LEADER-Region Tourismusverband Moststraße seit vielen Jahren für den Erhalt alter Obstsorten, der Streuobstwiesen und der einzigartigen Kulturlandschaft der Region einsetzt.
Alte Mostbirnbäume prägen nicht nur das Landschaftsbild der Moststraße. Sie sind auch wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tierarten. Wie bedeutend selbst ein umgestürzter Baum noch sein kann, zeigte sich im Juni 2026 am Biobauernhof der Familie Sindhuber, vulgo Oberhochholz, in Seitenstetten.
Ein Sturm hatte dort einen alten Mostbirnbaum der Sorte Schmotzbirne entwurzelt. Da sich in einer Baumhöhle ein Bienenvolk befand, öffneten Christa und Bernhard Sindhuber den Stamm vorsichtig, um die Bienen zu retten. Dabei entdeckten sie zahlreiche auffällig große Larven und mehrere dunkel glänzende Käfer.
Biologe Mathias Weis von der LEADER-Region Tourismusverband Moststraße, der selbst in Seitenstetten wohnt, bestätigte den außergewöhnlichen Fund: Es handelte sich um den äußerst seltenen Eremiten- oder Juchtenkäfer (wissenschaftlich Osmoderma eremita), der bisher nur wenige Male im Mostviertel nachgewiesen wurde. Unterschiedliche Larvenstadien zeigten, dass im Inneren des Baumes bereits seit mehreren Jahren oder Jahrzehnten eine große Population leben musste.
„Der Fund zeigt eindrucksvoll, wie wertvoll unsere alten Mostbirnbäume für die Artenvielfalt sind. Was für uns bereits wie ein abgestorbener oder nutzloser Baum wirkt, kann für seltene Tiere ein unersetzlicher Lebensraum sein“, erklärt Mathias Weis. „Der Schutz alter Obstbäume und Streuobstwiesen ist daher nicht nur eine Frage der Sortenvielfalt und des Landschaftsbildes, sondern auch des Naturschutzes.“
Der Eremitenkäfer verbringt den Großteil seines Lebens verborgen in alten Baumhöhlen. Seine Larven entwickeln sich mehrere Jahre im sogenannten Mulm, das zersetzte Holz in Baumhöhlen. Solche Lebensräume entstehen oft erst in sehr alten Bäumen und können nicht kurzfristig ersetzt werden.
Seltene Käfer erfolgreich umgesiedelt
Aufgrund des strengen Schutzstatus wurde der Fund der Bezirkshauptmannschaft Amstetten behördlich gemeldet. Gemeinsam mit Fritz Hinterleitner, dem Naturschutz-Sachverständigen der BH, wurde nach einer Lösung gesucht, um die Population zu erhalten. In der angrenzenden Schafweide der Familie Sindhuber fand sich ein geeigneter alter Mostbirnbaum mit einer ausreichend großen Höhle.
Die Käfer, Larven und das von ihnen bewohnte Material wurden vorsichtig aus dem umgestürzten Baum geborgen und in ihr neues Zuhause übersiedelt.
„Es ist sehr erfreulich, dass die Familie so verantwortungsbewusst mit diesem seltenen Fund umgegangen ist. Die erfolgreiche Umsiedlung ist ein wichtiger Beitrag zum Erhalt dieser streng geschützten Art in unserer Region“, betont Fritz Hinterleitner.
Auch Christa und Bernhard Sindhuber war rasch klar, dass sie den bedrohten Käfern helfen wollten: „Wir waren natürlich überrascht, was da in unserem alten Birnbaum lebt. Als wir erfahren haben, wie selten diese Käfer sind, wollten wir unbedingt dafür sorgen, dass sie einen neuen Platz bekommen und weiterleben können.“
Der Seitenstettner Eremitenkäferfund macht sichtbar, was meist im Verborgenen bleibt: Alte Obstbäume sind nicht nur Träger wertvoller Sorten und Teil der regionalen Identität. Sie sind kleine Ökosysteme und für manche der seltensten Tierarten unserer Heimat ein unersetzliches Zuhause.
Foto: © Moststraße / Cleanhill Studios
